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Grünland-Temperatur-Summe (GTS) für Deutschland

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Grundlagen: Was ist die GTS?

Was ist die Grünland-Temperatur-Summe (GTS)?
Die GTS ist eine spezielle Wärmesumme, bei der seit Jahresbeginn alle positiven Tagesmitteltemperaturen erfasst und gewichtet aufaddiert werden. Sie dient in der Agrarmeteorologie dazu, den Beginn der Vegetationsperiode, die Eignung von Böden für Düngung und das Wachstum bzw. die Blühphasen von Pflanzen besser abzuschätzen als mit Kalenderdaten.
Warum wurde die GTS ursprünglich entwickelt?
Die GTS wurde für die Landwirtschaft entwickelt, um den optimalen Startzeitpunkt für Feldarbeiten und Düngung nach dem Winter zu bestimmen. Sie ist inzwischen auch für Imkerei, Grünlandbewirtschaftung und phänologische Beobachtungen bedeutsam, weil viele Prozesse in Natur und Bienenvolk eng an die Wärmesumme gekoppelt sind.
Worin unterscheidet sich die GTS von der einfachen Temperatur oder vom Kalenderdatum?
Während das Kalenderdatum die Witterung ignoriert, bildet die GTS die tatsächlich akkumulierte Wärme ab und spiegelt damit den phänologischen Entwicklungsstand der Vegetation besser wider. Einzelne Tageshöchsttemperaturen können kurzfristig hoch sein, ohne dass sich Pflanzen dauerhaft entwickeln; erst die aufsummierte Wärme (Temperatursumme) zeigt, ob Wachstums- und Blühbedingungen tatsächlich erreicht sind.

Berechnung: Wie wird die GTS gebildet?

Wie genau wird die Grünland-Temperatur-Summe berechnet?
Für jeden Tag wird die mittlere Tagestemperatur ermittelt; ist sie größer als 0 °C, wird sie zur GTS des Vortages addiert. Dabei werden die Tageswerte im Januar mit dem Faktor 0,5, im Februar mit 0,75 und von März bis Dezember mit 1,0 gewichtet, um geringere Strahlung und häufigere Frostnächte im Winter abzubilden.
Ab wann beginnt die Zählung der GTS im Jahr?
Die GTS beginnt definitionsgemäß am 1. Januar mit 0 und steigt dann im Jahresverlauf kontinuierlich an, solange positive Tagesmitteltemperaturen auftreten.
In welchen Einheiten wird die GTS angegeben?
Physikalisch korrekt wird die GTS in Grad-Tagen (°C·d) angegeben, in der Praxis findet man jedoch häufig vereinfachend die Schreibweise „Grad Celsius" oder „°C". Entscheidend ist die Summe der Tageswerte, nicht die Temperatur eines einzelnen Tages.
Welche Datenbasis wird für die Berechnung verwendet?
Üblicherweise wird ein Temperaturmittel aus offiziellen Wetterstationen oder aus lokal gemessenen Daten (z.B. digitale Temperatur-Logger) genutzt. Für Vorhersagemodelle greifen Agrar- und Beratungsdienste oft auf numerische Wetterprognosen und interpolierte Gitterdaten zurück, um die GTS flächenhaft abzuschätzen.

GTS und Vegetation: Pflanzen, Blüte und Phänologie

Warum ist die GTS für die Pflanzenentwicklung so wichtig?
Viele Pflanzen benötigen eine bestimmte aufsummierte Wärmemenge, um von Ruhephasen in aktive Wachstums- oder Blühphasen überzugehen. Die GTS korreliert daher mit phänologischen Phasen wie Austrieb, Blühbeginn oder intensivem Graswachstum und eignet sich als pragmatischer Indikator dafür.
Welche GTS-Werte markieren typische phänologische Ereignisse?
Beispiele aus der Fach- und Beratungsliteratur sind:
  • 35–70 GTS: Blüte von Schneeglöckchen und Winterlingen
  • 65–120 GTS: Haselblüte, Krokus, Winterjasmin
  • 175–230 GTS: Erste Osterglocken, Forsythien
  • 175–260 GTS: Weidenkätzchen und frühblühende Kirschen
  • 275–300 GTS: Osterglocken in Vollblüte, Austrieb Holunder
Diese Werte sind als Orientierungen zu verstehen und können regional abweichen.
Stimmt der Blühbeginn immer exakt mit bestimmten GTS-Schwellwerten überein?
Nein, die Zuordnung ist nur näherungsweise, da neben der Temperatur auch Faktoren wie Sonnenscheindauer, Bodenfeuchte, Niederschläge und Spätfröste die Entwicklung beeinflussen. Beobachtungsreihen zeigen, dass die Blüte etwa um die genannten GTS-Werte herum schwankt und in verschiedenen Jahren einige Tage früher oder später eintreten kann.
Gibt es wissenschaftliche Belege für die Kopplung zwischen Temperatursummen und Blühphänologie?
Die Nutzung von Temperatursummen und wachsenden Gradtagen (Growing Degree Days, GDD) zur Beschreibung von Pflanzenphänologie ist in der Agrar- und Ökophysiologie weit verbreitet und empirisch gut untersucht. Studien zeigen, dass Temperatursummen phänologische Stadien besser abbilden als reine Kalendertage, auch wenn zusätzliche Umweltfaktoren berücksichtigt werden müssen.

Verbindung zu Bienenvolk und Tracht

Warum ist die GTS für Imkerinnen und Imker relevant?
Das Bienenvolk richtet seine Entwicklung an der Verfügbarkeit von Nektar und Pollen aus, die wiederum stark von der phänologischen Entwicklung der Vegetation und damit von Temperatursummen abhängen. GTS-Informationen helfen, den Start der Tracht, das Ende der Trachtlücken und den Zeitpunkt wichtiger Eingriffe wie Honigraumgabe besser zu treffen.
Wie hängt die GTS mit dem Bienenjahr zusammen?
Mit zunehmender GTS steigen Blühintensität und Trachtangebot, wodurch Bienenvölker Brutumfang, Futtereintrag und Schwarmtrieb anpassen. Beobachtungen und Fallstudien zeigen, dass bestimmte GDD- bzw. GTS-Bereiche mit verstärkter Pollenheimkehr, Beginn von Schwarmvorbereitungen und Haupttrachten korrespondieren.
Gibt es Untersuchungen zur Wirkung von Temperatursummen auf die Volksentwicklung und Winterüberlebensrate?
Analysen von Imkereidaten aus Nordamerika zeigen, dass „growing degree days" während des Sommers ein starker Prädiktor für die Winterüberlebensrate von Völkern sind, vermutlich über ihr Zusammenspiel mit Blütenangebot und Nahrungsressourcen. In landwirtschaftlich geprägten Landschaften wurde mit Tanzdecoder-Studien belegt, dass Bienen in Zeiten hoher Blühdichte (u.a. gesteuert durch Temperatursummen) insbesondere intensiv auf blühende Kulturen rekrutieren.
Kann man Schwarmstimmung anhand von GTS- oder GDD-Werten abschätzen?
Aus der Praxis liegen Hinweise vor, dass bestimmte GDD-Bereiche (z.B. grob 70–160 GDD in Ontario) mit dem Auftreten von Schwarmzellen und ersten Schwärmen korrelieren, parallel zum Blühverlauf von Löwenzahn, Apfel und Robinie. Diese Werte sind regional unterschiedlich, zeigen aber, dass Temperatursummen als grober Orientierungsrahmen dienen können, um verstärkt auf Schwarmanzeichen zu achten.

Typische Schwellenwerte für imkerliche Praxis

Welche GTS-Werte sind für imkerliche Entscheidungen besonders wichtig?
Aus landwirtschaftlicher und imkerlicher Praxis haben sich insbesondere folgende Schwellwerte etabliert:
  • ca. 60 GTS: Haselblüte wahrscheinlich, erste Pollentrachtindikatoren
  • ca. 200 GTS: Beginn der Vegetationsperiode, Graswachstum intensiviert sich, Düngung wird empfohlen
  • darüber hinaus: steigende GTS-Werte markieren sukzessive den Blühbeginn weiterer für Bienen relevanter Arten wie Weiden, Obstbäume, Löwenzahn und Robinie, abhängig von Region und Art
Warum gilt GTS ≈ 200 als so wichtig?
Bei etwa 200 GTS ist der Boden in Mitteleuropa typischerweise so weit erwärmt, dass Gräser und viele Kulturpflanzen aktiv wachsen und zugeführte Nährstoffe effizient aufnehmen können. Für Imker ist dies ein Signal, dass die Frühjahrsentwicklung der Vegetation in Gang ist und in vielen Regionen die erste größere Trachtphase ansteht.
Kann ich GTS-Werte direkt in konkrete Arbeitsanweisungen für die Imkerei übersetzen?
Ja, viele imkerliche Beratungsangebote verknüpfen GTS-Bereiche mit Tätigkeiten wie „Völkerdurchsicht", „Honigräume aufsetzen" oder „erhöhte Schwarmkontrolle", wobei diese Zuordnungen regional kalibriert werden. Dennoch bleibt die Kombination mit der direkten Beobachtung von Natur und Volk unverzichtbar, weil Wetterextreme und Mikroklima die Situation vor Ort stark beeinflussen.

Regionale Unterschiede und Grenzen der Methode

Wie stark variieren GTS-Werte regional?
Durch Unterschiede in Breitengrad, Höhenlage, Kontinentalität und Lokalklima können gleiche GTS-Werte an verschiedenen Standorten mit einem leicht unterschiedlichen phänologischen Entwicklungsstand verknüpft sein. Besonders im Gebirge und in Kaltluftsenken erreicht die GTS bestimmte Schwellen später als in tiefen, städtisch beeinflussten Lagen.
Welche Unsicherheiten hat das GTS-Konzept?
Die GTS ignoriert Faktoren wie Bodenfeuchte, Spätfrostereignisse, Extremhitze oder Nährstoffverfügbarkeit, die die Vegetationsentwicklung erheblich mitbestimmen. Zudem können langjährige Klimatrends und Sortenunterschiede dazu führen, dass historische Schwellenwerte angepasst werden müssen, um aktuelle Verhältnisse korrekt abzubilden.
Ist GTS ein wissenschaftlich exaktes Modell oder eher ein Praxiswerkzeug?
GTS ist ein empirisch begründetes Praxiswerkzeug, das auf dem in der Fachliteratur etablierten Konzept der Temperatursummen bzw. Growing Degree Days basiert. Es bildet zentrale Prozesse der Phänologie in nützlicher Näherung ab, ersetzt aber keine detaillierten phänologischen Modelle oder experimentellen Untersuchungen.

Praktische Nutzung einer GTS-Karte für Imker

Wie kann ich eine GTS-Karte im Alltag als Imker verwenden?
Eine GTS-Karte ermöglicht es, den aktuellen phänologischen Entwicklungsstand einer Region auf einen Blick zu erfassen und damit Völkerkontrollen, Erweiterungen, Wanderungen und das Aufsetzen von Honigräumen besser zu timen. Besonders in Kombination mit eigenen Beobachtungen (Blühbeginn von Hasel, Weide, Obst, Raps) erhöht sie die Prognosegenauigkeit gegenüber reinen Kalenderplänen deutlich.
Welche Informationen sollte eine GTS-Karte idealerweise anzeigen?
Sinnvoll sind aktuelle GTS-Werte pro Region, historische Verläufe (z.B. Vergleich zu Vorjahren), farbliche Markierung wichtiger Schwellen (z.B. 60, 200, 400 GTS) und ggf. Verknüpfungen mit phänologischen Ereignissen oder imkerlichen Handlungsempfehlungen. Ergänzende Layer wie Niederschlag, Höhenlage oder Kulturarten können helfen, regionale Besonderheiten besser zu interpretieren.
Wie präzise ist eine GTS-Karte, die auf Wettermodellen oder Stationsdaten basiert?
Karten auf Basis interpolierter Stationsdaten oder Wettermodelle liefern robuste regionale Trends, können aber im Kleinskaligen (z.B. innerstädtische Wärmeinseln, Tal-/Hanglagen) Abweichungen aufweisen. Für operative Entscheidungen empfiehlt sich deshalb, die Karte mit lokalen Beobachtungen an typischen Zeigerpflanzen zu kombinieren.

Wissenschaftlicher Hintergrund: GTS, GDD und Forschung

Was ist der Unterschied zwischen GTS und „Growing Degree Days" (GDD)?
GDD ist ein allgemeines Konzept für Temperatursummen, bei dem die Tagesmitteltemperatur über einer Basistemperatur (z.B. 5 oder 10 °C) aufsummiert wird. Die GTS ist eine spezielle, für Mitteleuropa definierte Variante mit Start am 1. Januar und Monatsfaktoren für Januar und Februar, während GDD meist ohne solche Monatsfaktoren verwendet wird.
Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für den Einsatz von GDD/GTS in der Imkerei?
Praxisnahe Studien zeigen, dass GDD gut mit Blühphasen wichtiger Trachtpflanzen und mit dem Auftreten von Schwarmereignissen korrelieren. Darüber hinaus wurden GDD als einer der wichtigsten Prädiktoren für das Winterüberleben von Bienenvölkern identifiziert, wahrscheinlich über deren Einfluss auf Nektar- und Pollenverfügbarkeit während der Saison.
Wie hängen Klimawandel, GTS und Imkerei zusammen?
Der Klimawandel verändert Temperaturverläufe, damit auch Temperatursummen und die zeitliche Abfolge phänologischer Phasen, was zu Verschiebungen von Trachten, Trachtlücken und potenziellen Mismatches zwischen Bienenentwicklung und Blütenangebot führen kann. Langfristige Beobachtungsreihen zu GTS, Blühbeginn und Erträgen sind daher wichtig, um imkerliche Strategien an veränderte Klimabedingungen anzupassen.

Anwendung, Grenzen und Best Practices für Imker

Wie kombiniere ich GTS am sinnvollsten mit meiner imkerlichen Praxis?
Nutze GTS als übergeordneten Orientierungsrahmen für das Bienenjahr (z.B. Frühjahrsentwicklung, Haupttracht, Spätsommer) und kalibriere ihn mit deinen standortspezifischen Beobachtungen (Blühbeginn Zeigerpflanzen, Volksentwicklung). Mittelfristig kannst du Schwellenwerte für deine Region ableiten, etwa „GTS X = Beginn intensiver Weidentracht" oder „GTS Y = erhöhte Schwarmkontrolle".
Welche typischen Fehler sollte ich bei der Nutzung von GTS vermeiden?
Vermeide, GTS-Werte als starre „Gesetze" zu interpretieren, ohne lokale Beobachtungen und Wetterextreme zu berücksichtigen. GTS ist ein hilfreicher Orientierungspunkt, ersetzt aber weder die regelmäßige Volkdurchsicht noch die Beobachtung von Blühphänomenen und Trachtangebot.
Lohnt sich die Kombination von GTS-Daten mit digitalen Stockwaagen und Sensoren?
Ja, die Verbindung von GTS-Kurven mit Waagstockdaten (Gewicht, Fluglochaktivität) und Umweltsensorik ermöglicht eine datengetriebene Analyse von Trachtbeginn, Trachtende und Trachtlücken. Solche integrierten Systeme werden zunehmend als Grundlage für prädiktive Modelle im digitalen Bienenmanagement genutzt.